Augenverletzungen gehören zu den häufigsten Notfällen in der Ophthalmologie. In Deutschland erleiden jährlich etwa 300.000 Menschen eine Augenverletzung – von der harmlosen Hornhauterosion bis zur schweren Verätzung oder perforierenden Verletzung. Bei chemischen Verätzungen entscheidet das sofortige Spülen in den ersten Sekunden über die Prognose. Bei perforierenden Verletzungen kann falsches Handeln das Auge zerstören. Dieser Artikel ist ein systematischer Notfall-Leitfaden.

Chemische Verätzung – der dringlichste Notfall

Die chemische Verätzung des Auges ist der einzige ophthalmologische Notfall, bei dem die Therapie vor der Diagnostik kommt. Jede Sekunde Verzögerung verschlechtert die Prognose. Laugenverätzungen sind gefährlicher als Säureverätzungen, weil Laugen tiefer in das Gewebe penetrieren (Kolliquationsnekrose vs. Koagulationsnekrose).

Sofortmaßnahme: Spülen, Spülen, Spülen!

Sofort spülen – noch am Unfallort

Mit dem erstbesten Wasser (Leitungswasser, Mineralwasser, notfalls Limonade) sofort spülen. Lider mit den Fingern offen halten. Kontaktlinsen entfernen, falls vorhanden. Nicht auf den Rettungsdienst warten! Jede Sekunde zählt.

Mindestens 15–30 Minuten spülen

In der Klinik: isotone NaCl-Lösung oder Ringer-Lösung über Spüllinse (z.B. Morgan-Linse). Vorher: Lokalanästhesie (Oxybuprocain-AT) erleichtert dem Patienten das Offenhalten der Augen. Fornices mit feuchtem Watteträger auskehren (Partikel entfernen!).

pH-Wert kontrollieren

Spülen bis der pH im Bindehautsack neutral ist (pH 7,0–7,4). pH-Papier in den unteren Fornix einlegen. Wenn der pH nicht neutral wird: weiterspülen! Kontrolle 5 Minuten nach Spülstopp (Nachsickern aus dem Gewebe).

Erst dann: Diagnostik

Visus, Spaltlampenuntersuchung, Fluorescein-Färbung, Beurteilung der limbalen Ischämie und Hornhautklarheit. Klassifikation nach Roper-Hall oder Dua. Substanz identifizieren (Sicherheitsdatenblatt!).

Absoluter Notfall

Laugenverätzung (Alkalien) – NaOH (Natronlauge), KOH (Kalilauge), Ca(OH)₂ (Kalk, Zement), NH₃ (Ammoniak). Laugen penetrieren die Hornhaut innerhalb von Sekunden, verseifern Zellmembranen (Kolliquationsnekrose) und können bis in die Vorderkammer eindringen. Die initiale Untersuchung unterschätzt das Ausmaß! Nachuntersuchung nach 24–48 h obligat, da die volle Schädigung verzögert sichtbar wird.

Klassifikation nach Roper-Hall (modifiziert)

GradHornhautLimbale IschämiePrognose
I Epitheldefekt, kein Stromaödem Keine Sehr gut
II Stromaödem, aber Iris sichtbar < 1/3 des Limbus Gut
III Totaler Epitheldefekt, Stromaödem, Iris kaum sichtbar 1/3–1/2 des Limbus Reserviert
IV Hornhaut opak (porzellanweiß) > 1/2 des Limbus Schlecht
Klinischer Hintergrund

Die limbale Ischämie ist der wichtigste prognostische Faktor. Der Limbus enthält die Stammzellen des Hornhautepithels. Bei ausgedehnter limbaler Ischämie (> 50 %) ist die Regeneration des Hornhautepithels gefährdet → Stammzellinsuffizienz → Konjunktivalisierung der Hornhaut → persistierende Trübung. In schweren Fällen (Grad III–IV) kann eine limbale Stammzelltransplantation oder Keratoprothese (Boston KPro) langfristig nötig werden.

Therapie der Verätzung (nach Spülung)

„Bei chemischer Verätzung gilt: Erst spülen, dann alles andere. Wer zuerst den Visus misst, verschlechtert die Prognose."

Fremdkörper – korneale und intraokulare

Oberflächliche Hornhautfremdkörper

Der häufigste Augennotfall: Metallsplitter (Schleifen, Bohren, Flexen), Holzsplitter, Insekten, Sandkörner. Symptome: Fremdkörpergefühl, Tränenfluss, Photophobie, konjunktivale Injektion.

Cave: Intraokularer Fremdkörper

Bei Hochgeschwindigkeitstraumata (Hammerschlag auf Metall, Explosion, Schusswaffe) muss immer ein intraokularer Fremdkörper (IOFK) ausgeschlossen werden, auch wenn die Eintrittspforte winzig oder nicht sichtbar ist! Diagnostik: CT Orbita (kein MRT bei V.a. metallischen FK!). Ein übersehener IOFK kann zu Endophthalmitis, Siderose (Eisen) oder Chalkose (Kupfer) führen → Erblindung.


Hornhauterosio (Cornea-Erosion)

Ein Defekt des Hornhautepithels – verursacht durch Kratzer (Fingernagel, Ast, Papier), Kontaktlinsen oder Fremdkörper. Sehr schmerzhaft, aber in der Regel harmlos und heilt innerhalb von 24–72 Stunden.

Für Patienten

Wenn Sie sich am Auge gekratzt haben (Fingernagel, Ast, Papier) und starke Schmerzen, Lichtempfindlichkeit und Tränenfluss haben, ist wahrscheinlich die oberste Schicht Ihrer Hornhaut abgeschürft. Das ist sehr schmerzhaft, heilt aber meist innerhalb von 1–3 Tagen vollständig. Gehen Sie zum Augenarzt – Sie bekommen antibiotische Salbe zum Schutz vor Infektion. Reiben Sie nicht am Auge!


Stumpfes Trauma (Contusio bulbi)

Verursacht durch Ball, Faust, Airbag, Sektkorken oder Ähnliches. Das stumpfe Trauma komprimiert den Augapfel – die Druckwelle verursacht Schäden an mehreren Strukturen gleichzeitig:

StrukturVerletzungKlinikManagement
Vorderkammer Hyphäma (Blutung in die VK) Blut-Spiegel hinter der Hornhaut; Visusminderung Kopfhoch 30°; Atropin; IOD-Kontrolle; Cave: Nachblutung Tag 3–5!
Iris Iridodialyse, Sphinkterruptur Traumatische Mydriasis, verformte Pupille Beobachtung; chirurgische Rekonstruktion bei Blendung
Linse Subluxation/Luxation, Rosetten-Katarakt Iridodonesis (schlotternde Iris), Visusminderung Vitrektomie + Linsenentfernung bei Luxation in den Glaskörper
Kammerwinkel Winkelrezession Initial oft asymptomatisch; Spätfolge: Sekundärglaukom (Monate–Jahre!) Gonioskopie; langfristige IOD-Kontrolle
Netzhaut Commotio retinae (Berlin-Ödem), Dialyse, Riss, Ablösung Weißliche Netzhauttrübung; Lichtblitze, Rußregen Funduskopie in Mydriasis; Laserkoagulation bei Riss; Vitrektomie bei Ablösung
Orbita Blow-out-Fraktur (Orbitaboden) Doppelbilder (Blick nach oben), Enophthalmus, Hypästhesie N. V2 CT Orbita; OP bei Einklemmung oder persistierender Diplopie
Wichtig: Hyphäma-Management

Ein Hyphäma (Blutung in die Vorderkammer) erfordert Bettruhe mit erhöhtem Oberkörper, strenge IOD-Kontrolle (Sekundärglaukom!) und Atropin-Tropfen. Die gefürchtete Komplikation ist die Nachblutung am Tag 3–5, die oft schwerer ist als die initiale Blutung. Kein Aspirin, kein Ibuprofen (Thrombozytenhemmung!). Bei Sichelzellanämie: besonders hohes Risiko für sekundäres Glaukom → frühzeitige ophthalmologische Mitbetreuung.


Perforierende Verletzungen (Bulbus opertus)

Die schwerste Form der Augenverletzung. Jede Verletzung, die die Augenwand (Hornhaut oder Sklera) durchdringt, ist eine perforierende oder penetrierende Verletzung. Ursachen: scharfe Gegenstände, Glassplitter, Metallfragmente, Projektile.

Zeichen einer perforierenden Verletzung

Tropfenförmige Pupille (Iris prolabiert zur Wunde)
Flache Vorderkammer (Kammerwasser läuft ab)
Positiver Seidel-Test (Fluorescein wird vom austretenden Kammerwasser verdünnt)
Hypotoner Bulbus (weicher Augapfel bei vorsichtiger Palpation)
Subkonjunktivale Blutung 360° (kann eine Sklerruptur maskieren!)
Sichtbare intraokulare Strukturen (Iris, Glaskörper, Uvea in der Wunde)
Massiver Visusverlust nach Trauma
Anamnese: Hammerschlag, Explosion, Glasbruch

Sofortmaßnahmen bei V.a. Perforation

Für Patienten

Wenn nach einer Verletzung der Verdacht besteht, dass etwas ins Auge eingedrungen ist – zum Beispiel nach Hammerschlag auf Metall, Glasbruch oder einem Stich – dann gilt: Hände weg vom Auge! Drücken Sie nicht darauf, reiben Sie nicht, versuchen Sie nicht, etwas herauszuziehen. Decken Sie das Auge mit einem starren Schutz ab (Plastikbecher reicht) und fahren Sie sofort in die Augenklinik. Essen und trinken Sie nichts – Sie werden möglicherweise operiert.


Thermische & UV-Verletzungen

Verblitzung (Photokeratitis)

UV-Strahlung schädigt das Hornhautepithel – klassisch beim Schweißen ohne Schutzbrille („Verblitzung"), bei intensiver Sonnenexposition (Schneeblindheit) oder durch Solarien. Die Symptome treten verzögert nach 6–12 Stunden auf.

Thermische Verbrennungen

Heiße Flüssigkeiten, Dampf, geschmolzenes Metall, Feuer. Glücklicherweise schützt der Lidschlussreflex oft vor schweren Schäden. Therapie analog zur chemischen Verätzung, aber ohne prolongierte Spülung. Schweregrad-Klassifikation wie bei Verätzung (Roper-Hall). Bei Lidverbrennungen: Ektropium-Prophylaxe beachten.


Prävention – Augenschutz rettet Sehen

90 % aller Augenverletzungen wären durch geeigneten Augenschutz vermeidbar:


Fazit

Augenverletzungen erfordern schnelles, strukturiertes Handeln. Die wichtigsten Regeln:

Die Kernbotschaft: Bei Verätzung: sofort spülen. Bei Perforation: Hände weg. Beides rettet Augenlicht.