Blepharitis – die Entzündung des Lidrandes – betrifft schätzungsweise 37–47 % aller ophthalmologischen Patienten und ist damit eine der häufigsten Augenerkrankungen weltweit. Dennoch wird sie oft unterschätzt: Patienten leiden jahrelang unter brennenden, geröteten Augenlidern, verkrusteten Wimpern und chronischem Fremdkörpergefühl, bevor die Diagnose gestellt wird. Die gute Nachricht: Mit konsequenter Lidhygiene und gezielter Therapie lässt sich die Blepharitis sehr gut kontrollieren.

Die vier Formen der Blepharitis

Die Blepharitis ist keine einheitliche Erkrankung, sondern umfasst verschiedene Formen, die sich in Ursache, Lokalisation und Therapie unterscheiden:

Vorderer Lidrand – Wimpernbasis

Anteriore Blepharitis

Entzündung der äußeren Lidrandkante an der Wimpernbasis. Zwei Hauptformen: staphylokokkenbedingt (Collaretten, Ulzerationen) und seborrhoisch (fettige Schuppen, oft mit seborrhoischer Dermatitis assoziiert).

Befund: Krusten und Schuppen an den Wimpernbasen, Madarosis (Wimpernverlust), Fibrincollaretten, ggf. marginale Hornhautinfiltrate (Staphylokokken-Hypersensitivitätsreaktion).
Hinterer Lidrand – Meibom-Drüsen

Posteriore Blepharitis (MGD)

Meibom-Drüsen-Dysfunktion (MGD) – die häufigste Form. Die Meibom-Drüsen produzieren die Lipidschicht des Tränenfilms. Bei Dysfunktion wird das Sekret zähflüssig, die Drüsen verstopfen, der Tränenfilm wird instabil.

Befund: Verdickte, trübe Meibom-Drüsen-Sekrete (statt klares Öl → zahnpastaartiges Sekret), Teleangiektasien am hinteren Lidrand, verkürzte BUT, evaporatives trockenes Auge.
Kombination – häufigste Präsentation

Gemischte Blepharitis

Kombination aus anteriorer und posteriorer Blepharitis. In der Praxis die häufigste Form: Schuppen und Krusten an den Wimpern plus Meibom-Drüsen-Dysfunktion. Die Therapie muss beide Komponenten adressieren.

Befund: Kombination der Zeichen beider Formen. Oft begleitet von chronischem trockenem Auge, das durch die Blepharitis unterhalten wird.
Parasitär – oft übersehen

Demodex-Blepharitis

Verursacht durch die Milbe Demodex folliculorum (in den Wimpernfollikeln) und Demodex brevis (in den Meibom-Drüsen). Prävalenz steigt mit dem Alter – bei > 70-Jährigen fast 100 %.

Befund: Pathognomonisch: zylindrische Schuppen (collarettes, „sleeves") an der Wimpernbasis. Wimpernepilation + Mikroskopie zeigt die Milben. Therapie: Teebaumöl-basierte Lid-Peelings oder Lotilaner (Xdemvy).
„Die Blepharitis ist nicht heilbar – aber kontrollierbar. Lidhygiene ist für Blepharitis-Patienten wie Zähneputzen: lebenslang, täglich, nicht verhandelbar."

Symptome

Die Symptome der Blepharitis sind oft unspezifisch und überlappen stark mit dem trockenen Auge – tatsächlich sind beide Erkrankungen eng miteinander verknüpft:

Für Patienten

Wenn Ihre Augen morgens häufig verklebt sind, die Lidränder gerötet und gereizt wirken und Sie ein ständiges Brennen oder Fremdkörpergefühl haben, leiden Sie möglicherweise an einer Lidrandentzündung (Blepharitis). Das ist sehr häufig und kein Grund zur Sorge – aber Sie sollten es behandeln lassen, denn unbehandelt kann es das trockene Auge verschlimmern und zu wiederkehrenden Gerstenkörnern führen. Die gute Nachricht: Mit der richtigen täglichen Pflege bekommen Sie die Beschwerden gut in den Griff.


Diagnostik

1

Anamnese

Symptome (Brennen, Krusten, Trockenheit, Schwankungen)? Dauer? Hauterkrankungen (Rosazea, seborrhoische Dermatitis, Neurodermitis)? Kontaktlinsen? Augenmedikamente? Kosmetika? Vorherige Behandlungen?

2

Spaltlampenuntersuchung

Lidrand beurteilen: Krusten, Schuppen, Collaretten (Demodex!), Ulzerationen, Teleangiektasien, Madarosis, Trichiasis. Meibom-Drüsen: Expression (Beschaffenheit des Sekrets), Drüsenausfälle. Tränenfilm: Schaumig? Break-up-Time (BUT < 10 s = instabil). Hornhaut: Punktförmige Epitheliopathie? Marginale Infiltrate?

3

Erweiterte Diagnostik (bei Bedarf)

Meibographie (Infrarot-Bildgebung der Meibom-Drüsen → Atrophie sichtbar). Wimpernepilation + Mikroskopie (Demodex-Nachweis). Schirmer-Test (wässriges Defizit?). Osmolarität (> 308 mOsm/L = hyperosmolar). Abstrich bei V.a. bakterielle Superinfektion.

4

Assoziierte Erkrankungen erkennen

Rosazea (Gesichtshaut: Teleangiektasien, Papeln, Pusteln → okuläre Rosazea in 50 %!). Seborrhoische Dermatitis (Kopfhaut, Nasolabialfalte). Atopische Dermatitis. Sjögren-Syndrom (bei zusätzlichem wässrigem Defizit).

Klinischer Hintergrund

Die Meibographie hat die Diagnostik der posterioren Blepharitis revolutioniert: Sie zeigt den Grad der Drüsenatrophie direkt am Bildschirm. Verlorene Meibom-Drüsen regenerieren sich nicht – das macht die frühzeitige Behandlung so wichtig. Bei fortgeschrittener Atrophie ist die Prognose für den Tränenfilm deutlich schlechter. Die Meibographie eignet sich auch hervorragend zur Patientenmotivation: Wenn Patienten sehen, wie viele Drüsen bereits verloren sind, steigt die Compliance mit der Lidhygiene erheblich.


Therapie – Stufenschema

Stufe 1: Lidhygiene (Basistherapie – lebenslang!)

Die tägliche Lidhygiene-Routine

Wärmen (5–10 Minuten)

Feuchtwarme Kompressen oder spezielle Wärmebrillen (z.B. Bruder Mask, EyeBag) auf die geschlossenen Augen legen. Die Wärme verflüssigt das eingedickten Meibom-Sekret und öffnet die verstopften Drüsen. Temperatur: ca. 40–42 °C. Feuchtwarme Kompressen kühlen schnell ab → Wärmebrillen halten die Temperatur länger.

Massieren

Direkt nach dem Wärmen: Mit dem sauberen Finger oder Wattestäbchen am Lidrand entlangstreichen – am Oberlid von oben nach unten, am Unterlid von unten nach oben (immer in Richtung Lidkante). So wird das verflüssigte Sekret aus den Meibom-Drüsen herausmassiert.

Reinigen

Lidrand mit speziellen Lidreinigungstüchern (z.B. Blephaclean, Lid-Care) oder verdünntem Baby-Shampoo (1:10) abreiben. Dabei Krusten und Schuppen an den Wimpernbasen sanft entfernen. Bei Demodex: Teebaumöl-haltige Reinigungstücher (z.B. Blephademodex).

Befeuchten

Konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel anwenden. Bei MGD: lipidhaltige Augentropfen bevorzugen (z.B. EvoTears, Systane Complete), da die Lipidschicht des Tränenfilms gestört ist.

Stufe 2: Medikamentöse Therapie

Stufe 3: In-Office-Verfahren

Praxistipp: Therapie der Demodex-Blepharitis

Zylindrische Schuppen an der Wimpernbasis sind pathognomonisch für Demodex. Therapie: Teebaumöl-haltige Lidreinigungstücher (50 % Teebaumöl ist akarizid; in kommerziellen Produkten 1–5 % Teebaumöl oder der Wirkstoff Terpinen-4-ol). Alternativ: Lotilaner AT (Xdemvy) – ein neueres, topisches Antiparasitikum (Isoxazolin), das in den USA zugelassen ist und in Studien eine hohe Eradikationsrate zeigt. Mangelhafte Compliance mit der Lidhygiene ist der häufigste Grund für Therapieversagen.


Komplikationen

Unbehandelte oder schlecht kontrollierte Blepharitis kann zu folgenden Komplikationen führen:

KomplikationMechanismusManagement
Hordeolum (Gerstenkorn) Akute bakterielle Infektion einer Meibom-Drüse (intern) oder Zeiss/Moll-Drüse (extern) Warme Kompressen; AB-Salbe; bei Abszedierung: Inzision + Drainage
Chalazion (Hagelkorn) Chronische granulomatöse Entzündung einer verstopften Meibom-Drüse Warme Kompressen (4–6 Wochen); bei Persistenz: Inzision + Kürettage oder Steroid-Injektion
Trockenes Auge (evaporativ) Defekte Lipidschicht → erhöhte Tränenverdunstung Lidhygiene + lipidhaltige Tränenersatzmittel + ggf. Ciclosporin AT
Marginale Hornhautinfiltrate Staphylokokken-Hypersensitivitätsreaktion → sterile Infiltrate am Limbusrand Steroid-AT kurzzeitig + Lidhygiene + AB-Salbe auf den Lidrand
Trichiasis Fehlgerichtete Wimpern durch chronische Lidrandentzündung Epilation; bei Rezidiv: Elektrolyse oder Kryotherapie
Madarosis Wimpernverlust durch chronische Entzündung und Follikelzerstörung Prävention durch konsequente Lidhygiene; Regeneration möglich
Phlyktänuläre Keratokonjunktivitis Hypersensitivitätsreaktion auf Staphylokokken-Antigene → noduläre Läsionen Steroid-AT + Lidrandhygiene + AB-Salbe

Sonderfall: Okuläre Rosazea

Die Rosazea ist eine chronische Hauterkrankung mit Teleangiektasien, Erythem und Papulopusteln im Gesicht. 50 % der Rosazea-Patienten haben eine okuläre Beteiligung – und in 20 % der Fälle manifestiert sich die Rosazea zuerst am Auge, bevor die Hautveränderungen auftreten.

Für Patienten

Wenn Sie neben den Augenbeschwerden auch eine Gesichtshaut haben, die leicht errötet, Äderchen zeigt oder Pickel-ähnliche Pusteln aufweist, könnte eine Rosazea dahinterstecken. Diese Hauterkrankung betrifft häufig auch die Augen und kann dort zu einer hartnäckigen Lidrandentzündung führen. Informieren Sie Ihren Augenarzt und Hautarzt – eine Tablettenkur (Doxycyclin) hilft oft sehr gut.


Red Flags – wann ist es nicht „nur" eine Blepharitis?

Red Flags bei Lidrandveränderungen

Einseitige Blepharitis – eine Blepharitis ist typischerweise beidseits; einseitig → an Tumor denken (Talgdrüsenkarzinom, Basalzellkarzinom!)
Rezidivierendes Chalazion am gleichen Ort – Talgdrüsenkarzinom kann als Chalazion imponieren → Biopsie bei Rezidiv!
Madarosis (Wimpernverlust) einseitig und progressiv – Tumor oder lokale Infiltration
Destruktion der Lidarchitektur – Einziehung, Ulzeration, Verdickung → Biopsie
Therapieresistenz trotz konsequenter Behandlung → Differenzialdiagnosen überprüfen
Kindliche Blepharitis mit schwerer Hornhautbeteiligung → an Staphylokokken-Hypersensitivität, Rosazea, Molluscum contagiosum denken

Fazit

Blepharitis ist chronisch, häufig und eine der am meisten unterschätzten Augenerkrankungen. Die wichtigsten Punkte:

Die Kernbotschaft: Blepharitis ist nicht heilbar, aber sehr gut kontrollierbar. Der häufigste Grund für Therapieversagen ist mangelnde Compliance mit der Lidhygiene.

Literatur & Quellen

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  8. Leitlinie der DOG/BVA: Blepharitis – Diagnostik und Therapie, 2022.