Das Glaukom ist keine einzelne Krankheit, sondern eine Gruppe von Optikusneuropathien, die durch einen progredienten Verlust retinaler Ganglienzellen und ihrer Axone gekennzeichnet sind. Mit weltweit über 80 Millionen Betroffenen gehört es zu den häufigsten Erblindungsursachen – besonders tückisch, weil der Sehverlust initial peripher beginnt und vom Patienten lange unbemerkt bleibt.
Was ist ein Glaukom?
Beim Glaukom kommt es zu einer fortschreitenden Schädigung des Sehnervs (Nervus opticus) an seinem Eintritt in das Auge – dem sogenannten Sehnervenkopf oder der Papille. Die Nervenfasern der Netzhaut, die visuelle Informationen zum Gehirn transportieren, gehen dabei irreversibel zugrunde.
Der wichtigste und zugleich einzige behandelbare Risikofaktor ist der Augeninnendruck (IOD). Das Kammerwasser wird vom Ziliarepithel produziert, zirkuliert durch die Hinterkammer und Vorderkammer und fließt über das Trabekelwerk im Kammerwinkel und den Schlemm-Kanal ab. Ein gestörter Abfluss führt zum IOD-Anstieg.
Stellen Sie sich den Sehnerv wie ein Stromkabel mit über einer Million einzelner Leitungen vor. Beim Glaukom gehen diese Leitungen nach und nach kaputt – und zwar von außen nach innen. Deshalb bemerken Sie den Verlust erst, wenn schon ein erheblicher Schaden entstanden ist: Das zentrale Sehen bleibt lange erhalten, während das Gesichtsfeld sich schleichend einengt.
Wichtig: Ein erhöhter IOD allein ist weder notwendig noch hinreichend für die Diagnose. Ca. 30–50 % der Glaukompatienten in europäischen Populationen haben einen IOD im statistischen Normbereich (Normaldruckglaukom). Umgekehrt entwickeln nicht alle Patienten mit okulärer Hypertension ein Glaukom. Die Diagnose erfordert stets den Nachweis einer strukturellen oder funktionellen Schädigung.
Glaukomformen im Überblick
| Form | Kammerwinkel | Charakteristik | Häufigkeit |
|---|---|---|---|
| Primäres Offenwinkelglaukom (POWG) | Offen | Chronisch, schmerzlos, langsam progredient; häufigste Form weltweit | ca. 70–80 % |
| Normaldruckglaukom (NDG) | Offen | IOD stets ≤ 21 mmHg; vaskuläre Faktoren und gestörte Autoregulation diskutiert | 30–50 % aller OWG |
| Primäres Engwinkelglaukom | Eng/verschlossen | Kann akut (Glaukomanfall) oder chronisch verlaufen | häufiger in Asien |
| Sekundärglaukome | Variabel | Pseudoexfoliationsglaukom (PEX), Pigmentglaukom, steroidinduziert, neovaskular, etc. | variabel |
| Kongenitales Glaukom | Dysgenesie | Angeboren; Symptome: Epiphora, Photophobie, Buphthalmus | selten (1:10.000) |
Ein akuter Winkelblock ist ein augenärztlicher Notfall. Typische Symptome: plötzlicher, starker Augenschmerz, Sehverschlechterung, Halos um Lichtquellen, Übelkeit/Erbrechen, hartes, gerötetes Auge mit mittelweiter, lichtstarer Pupille. Sofortige Therapie erforderlich (IOD kann > 60 mmHg erreichen). Jede Verzögerung riskiert irreversiblen Sehverlust.
Risikofaktoren
Die Kenntnis der Risikofaktoren ist entscheidend für die Identifikation gefährdeter Personen und die Empfehlung einer Vorsorgeuntersuchung.
- Erhöhter Augeninnendruck – stärkster und einziger modifizierbarer Risikofaktor
- Alter – Prävalenz steigt ab dem 40. Lebensjahr exponentiell an
- Positive Familienanamnese – 4–9-fach erhöhtes Risiko bei Verwandten ersten Grades
- Ethnizität – höhere Prävalenz bei Menschen afrikanischer Abstammung (POWG) und ostasiatischer Abstammung (Engwinkelglaukom)
- Myopie – höhere Anfälligkeit der Lamina cribrosa bei axialer Myopie
- Dünne Hornhaut (CCT) – unter 520 µm als unabhängiger Risikofaktor (OHTS)
- Vaskuläre Faktoren – arterielle Hypotonie, Vasospasmen (Migräne, Raynaud), Schlafapnoe
- Pseudoexfoliation (PEX) – besonders häufig in Skandinavien, Mittelmeerraum und Deutschland
Diagnostik – die Säulen der Glaukombeurteilung
Die Glaukomdiagnostik beruht auf mehreren Säulen, die zusammen ein Gesamtbild ergeben. Kein einzelner Parameter reicht zur Diagnosestellung aus.
Augeninnendruckmessung (Tonometrie)
Die Goldmann-Applanationstonometrie (GAT) bleibt der Goldstandard. Der statistische Normbereich liegt bei 10–21 mmHg, wobei dieser Wert allein weder eine Diagnose stellt noch ausschließt. Die zentrale Hornhautdicke (CCT) beeinflusst die Messung: Dünne Hornhäute unterschätzen, dicke überschätzen den wahren IOD.
(IOD)
Papillenbeurteilung & Bildgebung
- Funduskopie – Beurteilung von Cup-to-Disc-Ratio (CDR), neuroretinalem Randsaum (ISNT-Regel), Papillenrandblutungen, peripapillärer Atrophie
- OCT (Optische Kohärenztomographie) – quantitative Messung der retinalen Nervenfaserschichtdicke (RNFL) und der Ganglienzellschicht (GCL); heute unverzichtbar für Früherkennung und Verlaufskontrolle
- Papillenfotografie – Stereofotodokumentation für Verlaufsvergleich
Perimetrie (Gesichtsfelduntersuchung)
Die Standard-Automatisierte Perimetrie (SAP, z.B. Humphrey 24-2 oder 30-2) erfasst funktionelle Schäden. Typische glaukomatöse Defekte umfassen das Bjerrum-Skotom (bogenförmig), nasale Stufe (Rønne) und parazentrale Ausfälle. Problem: Funktionelle Defekte werden oft erst bei einem Verlust von ca. 30–50 % der retinalen Ganglienzellen messbar – daher ist die OCT-basierte Strukturanalyse für die Früherkennung überlegen.
Gonioskopie
Die Spaltlampen-Gonioskopie (z.B. mit Goldmann-Dreispiegelglas) beurteilt den Kammerwinkel und ist unverzichtbar für die Differenzierung zwischen Offenwinkel- und Engwinkelglaukom. Die Klassifikation erfolgt nach Shaffer (Grad 0–IV) oder Spaeth.
Die European Glaucoma Society (EGS) empfiehlt eine Struktur-Funktions-Korrelation: OCT-Befunde (Struktur) und Perimetrie (Funktion) sollten stets zusammen interpretiert werden. Ein präperimetrisches Glaukom liegt vor, wenn OCT-Veränderungen bei noch normalem Gesichtsfeld vorliegen – diese Patienten profitieren besonders von einer frühen Therapie.
Therapie – den Druck senken, den Nerv schützen
Das Ziel jeder Glaukomtherapie ist die Senkung des IOD auf einen individuellen Zieldruck, der eine weitere Progression verhindert. Als Faustregel gilt eine Senkung um mindestens 20–30 % vom Ausgangswert, bei fortgeschrittenem Glaukom oder Normaldruckglaukom oft mehr.
Medikamentöse Therapie (Augentropfen)
| Wirkstoffklasse | Beispiele | IOD-Senkung | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Prostaglandin-Analoga | Latanoprost, Travoprost, Bimatoprost, Tafluprost | 25–35 % | First-Line; 1× abends; NW: Irispigmentierung, Wimpernwachstum, periorbitale Veränderungen |
| Betablocker | Timolol, Betaxolol | 20–25 % | Systemische NW beachten (Bradykardie, Bronchospasmus); KI: Asthma, AV-Block |
| CAI (topisch) | Dorzolamid, Brinzolamid | 15–20 % | Häufig als Kombination; leichtes Brennen |
| Alpha-2-Agonisten | Brimonidin | 15–20 % | Möglicher neuroprotektiver Effekt (diskutiert); Allergierate ca. 15 % |
| Rho-Kinase-Inhibitoren | Netarsudil | 15–20 % | Neuer Wirkmechanismus: verbessert trabekulären Abfluss; konjunktivale Hyperämie |
| NO-Donoren (Kombi) | Latanoprostene bunod | 30–36 % | Dualer Mechanismus: PGA + Stickstoffmonoxid |
Augentropfen gegen Glaukom wirken nur, wenn sie regelmäßig und dauerhaft angewendet werden – auch wenn Sie keine Beschwerden haben. Das ist das Schwierige am Glaukom: Die Therapie behandelt etwas, das Sie nicht spüren, um etwas zu verhindern, das Sie sonst erst bemerken, wenn es zu spät ist. Tipp: Integrieren Sie das Tropfen in eine feste Routine (z.B. immer nach dem Zähneputzen).
Laserverfahren
- Selektive Lasertrabekuloplastik (SLT) – zunehmend als First-Line-Option (LiGHT-Studie); wiederholbar; IOD-Senkung ca. 20–30 %
- YAG-Laser-Iridotomie – Standardtherapie beim Engwinkelglaukom und zur Prophylaxe; schafft einen Bypass für das Kammerwasser
- Zyklophotokoagulation – bei therapierefraktärem oder fortgeschrittenem Glaukom; transskleral oder endoskopisch
Chirurgische Therapie
Trabekulektomie
Goldstandard der filtrierenden Chirurgie. Schafft eine Fistel unter die Bindehaut (Sickerkissen). IOD-Senkung 40–60 %. Adjuvantien: Mitomycin C, 5-FU.
Drainageimplantate
Baerveldt, Ahmed, Paul-Glaukom-Implantat. Bei Versagen der Trabekulektomie oder Sekundärglaukom. Tube-vs-Trab-Studie zeigt vergleichbare Ergebnisse.
MIGS
Minimally Invasive Glaucoma Surgery: iStent, Hydrus, XEN-Gel-Stent, Kahook Dual Blade. Geringere IOD-Senkung, aber besseres Sicherheitsprofil. Ideal bei mildem bis moderatem Glaukom.
Kanaloplastik
Nicht-filtrierende Operation: Dilatation und Stenting des Schlemm-Kanals. Kein Sickerkissen nötig, geringeres Infektionsrisiko (Endophthalmitis).
Die LiGHT-Studie (Lancet, 2019) zeigte, dass die SLT als Ersttherapie der medikamentösen Therapie bei POWG nicht unterlegen ist und sogar mit einer besseren Augendruck-Kontrolle und geringeren Kosten über 3 Jahre assoziiert war. Dies hat dazu geführt, dass die SLT in vielen Leitlinien als gleichwertige First-Line-Option aufgenommen wurde.
Verlaufskontrolle
Das Glaukom ist eine lebenslange Erkrankung, die eine regelmäßige Nachsorge erfordert. Ziel ist es, eine Progression frühzeitig zu erkennen und die Therapie entsprechend anzupassen.
- IOD-Messungen – idealerweise zu verschiedenen Tageszeiten (Tagesdruckprofil); ein einzelner Wert reicht nicht aus
- OCT-Verlaufsanalyse – RNFL-Trendanalyse; Progression erkennbar, bevor sie sich im Gesichtsfeld zeigt
- Perimetrie – mindestens 2× jährlich in den ersten 2 Jahren; dann je nach Befund; Guided Progression Analysis (GPA)
- Papillenbeurteilung – Vergleich mit Voruntersuchungen; neue Papillenrandblutungen als Progressionszeichen
Regelmäßige Kontrolltermine beim Augenarzt sind beim Glaukom unverzichtbar – selbst wenn Ihre Tropfen den Druck gut senken. Die Untersuchungen prüfen, ob der Sehnerv stabil bleibt. Versäumte Termine können dazu führen, dass eine schleichende Verschlechterung zu spät erkannt wird. Mindestens 2–4 Kontrollen pro Jahr sind empfehlenswert.
Vorsorge – wann und für wen?
Da das Glaukom in der Frühphase symptomlos verläuft, ist die Vorsorgeuntersuchung der wichtigste Schritt zur Verhinderung irreversibler Schäden.
- Ab 40 Jahren – Screening alle 2–3 Jahre empfohlen (BVA/DOG)
- Ab 60 Jahren – jährliche Kontrolle empfohlen
- Bei Risikofaktoren (Familienanamnese, Myopie, dunkle Hautfarbe, Kortison-Einnahme) – früherer Beginn und engere Intervalle
- Vorsorge umfasst: Tonometrie, Funduskopie mit Papillenbeurteilung, idealerweise OCT und Pachymetrie
In Deutschland ist die Glaukomvorsorge derzeit keine Kassenleistung, sondern eine IGeL-Leistung. Die Kosten liegen je nach Umfang bei ca. 20–60 €. Angesichts der potenziellen Konsequenzen einer späten Diagnose ist diese Investition gut angelegt.
Fazit
Das Glaukom ist eine der großen Herausforderungen der Augenheilkunde: eine chronische, irreversible Erkrankung, die im Frühstadium symptomlos verläuft und lebenslange Betreuung erfordert. Die gute Nachricht: Mit moderner Diagnostik (insbesondere OCT) kann ein Glaukom heute früher erkannt werden als je zuvor. Und die therapeutischen Optionen – von Tropfen über SLT bis zu MIGS – ermöglichen eine individualisierte Behandlung, die bei konsequenter Umsetzung den Sehverlust in den allermeisten Fällen aufhalten kann.
Der Schlüssel liegt in der Früherkennung und der Therapietreue.
Im nächsten Artikel widmen wir uns der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) – wenn die Mitte des Sehens bedroht ist.