Die Konjunktivitis – die Entzündung der Bindehaut (Conjunctiva) – ist mit Abstand die häufigste Ursache für ein „rotes Auge" und einer der häufigsten Vorstellungsgründe in der Hausarzt- und Augenarztpraxis. In Deutschland werden jährlich Millionen Fälle behandelt. Die klinische Herausforderung liegt weniger in der Diagnose der Konjunktivitis selbst als in der Abgrenzung von potenziell gefährlichen Differenzialdiagnosen: Iritis, akutes Glaukom, Keratitis und Skleritis müssen erkannt und rechtzeitig behandelt werden.

Die drei Hauptformen

~65–75 % aller infektiösen Konjunktivitiden

Virale Konjunktivitis

Meist Adenoviren (Serotypen 8, 19, 37 → Keratoconjunctivitis epidemica, KCE). Hochkontagiös! Oft nach Erkältung oder Kontakt mit Erkrankten. Beginnt einseitig, wird häufig bilateral.

Wässrige Sekretion
Präaurikuläre Lymphknoten
Pseudomembranen möglich
Juckreiz eher gering
~20–30 % aller infektiösen Konjunktivitiden

Bakterielle Konjunktivitis

Häufigste Erreger: S. aureus, S. pneumoniae, H. influenzae (Kinder), M. catarrhalis. Hyperakut: N. gonorrhoeae (Notfall!). Guter Selbstheilungsverlauf in 60 % der Fälle auch ohne Antibiotika.

Mukopurulente / eitrige Sekretion
Morgens verklebte Lider
Keine Lymphknoten
Kein Juckreiz
Sehr häufig (bis 40 % der Bevölkerung saisonal)

Allergische Konjunktivitis

IgE-vermittelt; saisonale (Pollen) oder perenniale (Hausstaubmilben, Tierhaare) Form. Vernale Keratokonjunktivitis (VKC) und atopische Keratokonjunktivitis (AKC) als schwere Sonderformen.

Juckreiz – das Leitsymptom!
Wässrige Sekretion + Chemosis
Bilateral und symmetrisch
Papillen tarsal (Pflastersteine bei VKC)

Das Sekret verrät die Ursache

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Wässrig-serös

Klar, dünnflüssig, „tränend"; typisch für virale und allergische Konjunktivitis

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Mukopurulent / eitrig

Gelblich-grün, dickflüssig, morgens verklebte Lider; typisch für bakterielle Infektion

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Fadenziehend-mukös

Zäh, fadenziehend; typisch für allergische Konjunktivitis und VKC

Für Patienten

Eine Bindehautentzündung ist in den meisten Fällen harmlos und heilt von selbst. Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale: Juckreiz → wahrscheinlich allergisch. Eitriges Sekret → wahrscheinlich bakteriell. Wässriges Sekret + Erkältung → wahrscheinlich viral. Wichtig: Wenn zusätzlich Schmerzen, Lichtempfindlichkeit, Sehverschlechterung oder eine einseitige Rötung mit starkem Schmerz auftreten, handelt es sich möglicherweise nicht um eine einfache Konjunktivitis – dann bitte zeitnah zum Augenarzt.


Das rote Auge – gefährliche Differenzialdiagnosen

Die entscheidende klinische Aufgabe ist nicht die Diagnose der Konjunktivitis, sondern der Ausschluss gefährlicher Ursachen für ein rotes Auge. Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Differenzialdiagnosen:

DiagnoseSchmerzVisusPupilleSekretionSchlüsselbefund
KonjunktivitisBrennen, FremdkörpergefühlNormalNormalJa (wässrig/eitrig)Diffuse konjunktivale Injektion; Follikel oder Papillen
Akute anteriore Uveitis (Iritis)Schmerz + PhotophobieLeicht ↓Eng (Miosis)NeinZiliäre Injektion (perilimbal), Zellen + Flare in VK
Akutes WinkelblockglaukomHeftig + ÜbelkeitStark ↓Weit + starrNeinHarter Bulbus, Hornhautödem, IOD > 40; Notfall!
Keratitis (bakteriell/HSV)Stark + PhotophobieNormalMöglichHornhautinfiltrat/-ulkus, Fluorescein-Aufnahme; KL-Träger: Pseudomonas!
SkleritisTief, bohrendNormal bis ↓NormalNeinTiefrote/violette Sklera, druckschmerzhaft, assoziiert mit Autoimmun-Ek.
EpiskleritisLeichtNormalNormalNeinSektorale Rötung, selbstlimitierend; Phenylephrin-Test: Gefäße blassen ab
Subkonjunktivale BlutungKeineNormalNormalNeinScharf begrenztes rotes Areal; harmlos; RR-Kontrolle
Red Flags beim roten Auge → sofort zum Augenarzt

Folgende Symptome sprechen gegen eine einfache Konjunktivitis und erfordern eine sofortige augenärztliche Abklärung: Sehverschlechterung, starker Schmerz, Photophobie (Lichtscheu), einseitige ziliäre Injektion (Rötung um die Hornhaut herum), Hornhauttrübung, weite/starre Pupille, harter Augapfel, Kontaktlinsenträger mit rotem Auge, Trauma, hyperakute eitrige Sekretion (Gonokokken-Verdacht bei Neugeborenen oder sexuell aktiven Erwachsenen).

„Nicht jedes rote Auge ist eine Bindehautentzündung. Die fünf Minuten für die Differenzialdiagnose können ein Auge retten."

Virale Konjunktivitis im Detail

Die adenovirale Konjunktivitis (Keratoconjunctivitis epidemica, KCE) ist die klinisch bedeutsamste Form: hochkontagiös, meldepflichtig bei gehäuftem Auftreten (IfSG § 7 bei Adenovirus-Nachweis aus Konjunktivalabstrich) und potenziell mit Hornhautbeteiligung (Nummuli – subepitheliale Infiltrate, die monate- bis jahrelang persistieren können).

Klinischer Hintergrund

Nummuli (subepitheliale Infiltrate) sind immunologische Reaktionen auf virale Antigene in der Hornhautstroma und treten bei ca. 20–50 % der KCE-Patienten auf. Sie können den Visus durch Streuung reduzieren und Monate bis Jahre persistieren. Die Therapie mit niedrigdosierten Steroiden (z.B. Fluorometholon 0,1 % 1–2× täglich) ist wirksam, führt aber bei > 50 % zu einem Rezidiv nach Absetzen. Ciclosporin-A-Augentropfen (0,05–0,1 %) sind eine steroidsparende Alternative mit geringerem Rebound-Risiko (Levinger-Studie).


Bakterielle Konjunktivitis

Die meisten bakteriellen Konjunktivitiden verlaufen mild und sind in 60 % der Fälle auch ohne Antibiotika innerhalb von 5–7 Tagen selbstlimitierend. Topische Antibiotika beschleunigen die Heilung um ca. 1–2 Tage und reduzieren die Kontagiosität.

Therapie

Notfall: Gonokokken-Konjunktivitis

Hyperakute, massenhafte eitrige Sekretion, ausgeprägte Lidschwellung, Chemosis – bei Neugeborenen (Ophthalmia neonatorum, 2.–5. Lebenstag) oder sexuell aktiven Erwachsenen. Kann innerhalb von 24–48 Stunden zur Hornhautperforation führen! Sofortige Gramfärbung + Kultur + systemische Antibiose (Ceftriaxon i.m./i.v.) + intensive topische Fluorochinolon-Tropfen. Keine Verzögerung!


Allergische Konjunktivitis

Der Juckreiz ist das Kardinalsymptom – sein Vorhandensein macht eine allergische Ursache hochwahrscheinlich, sein Fehlen macht sie unwahrscheinlich. Die saisonale allergische Konjunktivitis (SAC) und die perenniale allergische Konjunktivitis (PAC) sind bei weitem die häufigsten Formen.

Stufentherapie der allergischen Konjunktivitis

Schwere Sonderformen


Sonderfälle

Chlamydien-Konjunktivitis

Chlamydia trachomatis (Serotypen D–K) verursacht eine chronische follikuläre Konjunktivitis, die oft über Wochen bis Monate persistiert und nicht auf Standard-Antibiotika anspricht. Typisch: einseitig, große Follikel, minimales Sekret, genitale Koinfektion. Therapie: Azithromycin 1 g oral Einmaldosis (alternativ: Doxycyclin 100 mg 2× tägl. für 7 Tage) + Partnerbehandlung. In Entwicklungsländern: Trachom (Serotypen A–C) – weltweit häufigste infektiöse Erblindungsursache.

Ophthalmia neonatorum

Jede Konjunktivitis in den ersten 28 Lebenstagen ist ein potenzieller Notfall. Differenzialdiagnose: Gonokokken (Tag 2–5, hyperakut), Chlamydien (Tag 5–14, mukopurulent), chemisch (Tag 1, durch Credé-Prophylaxe) oder Herpes simplex (variabel, Bläschen). Abstrich + Gramfärbung + Kultur obligat. Gonokokken: Ceftriaxon i.v. + Augenspülung. Chlamydien: Erythromycin oral (systemisch wegen Pneumonierisiko).

Häufiger Fehler: Antibiotika bei viraler Konjunktivitis

Studien zeigen, dass ca. 60–80 % aller Konjunktivitiden in der Hausarztpraxis antibiotisch behandelt werden – obwohl die Mehrzahl viral bedingt ist. Antibiotika wirken nicht gegen Viren, verursachen aber Nebenwirkungen (Allergie, Resistenzentwicklung, Kosten). Die Empfehlung: Bei unkomplizierter Konjunktivitis ohne Red Flags zunächst 5–7 Tage abwarten (watch-and-wait), Tränenersatz und Hygienemaßnahmen empfehlen. Antibiotika nur bei begründetem bakteriellen Verdacht (purulentes Sekret, Kontaktlinsenträger, Immunsupprimierte).


Therapie auf einen Blick

Viral

Symptomatisch

Kühle Kompressen, Tränenersatz, Hygiene. Keine Antibiotika. Bei Nummuli: niedrigdosierte Steroide oder Ciclosporin-AT. Dauer: 2–3 Wochen. Ansteckungsgefahr: ~14 Tage. Krankschreibung bei KCE.

Bakteriell

Topische Antibiotika

Azithromycin-AT 1,5 % (3 Tage) oder Fluorochinolon (5–7 Tage). Bei Gonokokken: systemisch + topisch + sofort. Bei Chlamydien: systemisch (Azithromycin oral). Abstrich bei Therapieresistenz.

Allergisch

Antihistaminika + Allergenkarenz

Olopatadin oder Azelastin-AT als First-Line. Mastzellstabilisatoren als Dauertherapie. Kurzzeitig Steroide bei Exazerbation. VKC/AKC: Ciclosporin-AT. Systemisch bei Rhinokonjunktivitis.


Fazit

Die Konjunktivitis ist häufig, meist harmlos und in vielen Fällen selbstlimitierend. Die ärztliche Kunst liegt nicht in der Behandlung der Konjunktivitis selbst, sondern in der Erkennung der gefährlichen Differenzialdiagnosen: Iritis, Keratitis, akutes Glaukom und Skleritis erfordern eine ganz andere Therapie und dürfen nicht übersehen werden.

Drei Kernbotschaften: Juckreiz = Allergie. Eitrig = Bakterien. Wässrig + Erkältung = Viren. Und die vielleicht wichtigste: Antibiotika sind bei viraler Konjunktivitis wirkungslos und sollten nicht reflexhaft verordnet werden.