Retinale Gefäßverschlüsse gehören zu den häufigsten vaskulären Ursachen für akuten Sehverlust. Die Netzhaut – ein hochspezialisiertes neuronales Gewebe – ist auf eine kontinuierliche Blutversorgung angewiesen. Wird ein retinales Gefäß blockiert, droht irreversibler Schaden. Während der Venenverschluss oft schleichend beginnt und meist einseitig das Sehen verschlechtert, ist der Arterienverschluss ein ophthalmologischer Notfall, vergleichbar mit einem Schlaganfall des Auges.

Arterien vs. Venen – zwei unterschiedliche Notfälle

Die retinale Blutversorgung erfolgt über die Arteria centralis retinae und ihre Äste (zuständig für die inneren Netzhautschichten) sowie die Choroidea (zuständig für die Photorezeptoren). Der venöse Abfluss erfolgt über die Vena centralis retinae. Beide Systeme können verschließen – mit sehr unterschiedlichen Konsequenzen:

Arteriell – Notfall!

Zentralarterienverschluss (ZAV)

Akuter, schmerzloser Sehverlust innerhalb von Sekunden. Visus typischerweise Fingerzählen oder Handbewegungen. Die gesamte Netzhaut ist ischämisch – irreversible Schädigung nach 60–90 Minuten.

Fundus: Blasse, ödematöse Netzhaut mit kirschrotem Fleck der Makula (Fovea wird über Choroidea versorgt). Verdünnte Arterien, „Cattle-trucking" (segmentale Blutflussstörung).
Venös – häufigster retinaler Verschluss

Zentralvenenverschluss (ZVV)

Schmerzloser Sehverlust über Stunden bis Tage. Visus variabel – von leichter Unschärfe bis zu starker Sehminderung. Prognose abhängig von ischämisch vs. nicht-ischämisch.

Fundus: „Blut-und-Donner"-Bild: Flammenförmige Blutungen in allen 4 Quadranten, dilatierte geschlängelte Venen, Cotton-Wool-Spots, Papillenödem, Makulaödem.
Arterieller Astverschluss

Arterienastverschluss (AAV)

Akuter Gesichtsfeldausfall, entsprechend dem Versorgungsgebiet des betroffenen Astes. Visus kann erhalten bleiben, wenn die Makula nicht betroffen ist. Oft embolisch bedingt.

Fundus: Sektorielle Netzhautblässe im Versorgungsgebiet. Emboli an Gefäßbifurkationen sichtbar (Hollenhorst-Plaques = Cholesterinembolien).
Venöser Astverschluss

Venenastverschluss (VAV)

Häufigster retinaler Gefäßverschluss überhaupt. Sehverschlechterung abhängig von Makulabeteiligung. Verschluss typischerweise an arteriovenösen Kreuzungsstellen.

Fundus: Sektorielle Blutungen und Ödeme entlang des betroffenen Venenastes, oft temporal. Makulaödem als Hauptursache der Sehminderung.
„Der arterielle Verschluss ist der Schlaganfall des Auges – jede Minute zählt. Der venöse Verschluss ist häufiger, aber nicht weniger bedrohlich: Er kann zur Neovaskularisation und zum Sekundärglaukom führen."

Risikofaktoren

Retinale Gefäßverschlüsse teilen die klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren. Ein retinaler Verschluss ist oft das erste Zeichen einer systemischen Gefäßerkrankung:

RisikofaktorArterienverschlussVenenverschluss
Arterielle HypertonieWichtigster RisikofaktorWichtigster Risikofaktor (70 %)
ArterioskleroseDirekt kausal (Embolie, Thrombose)Indirekt (AV-Kreuzungskompression)
Diabetes mellitusBegünstigt ArterioskleroseErhöhtes Risiko
HyperlipidämieAtherosklerotische PlaquesBegünstigt Arteriosklerose
VorhofflimmernKardiale Embolie → ZAVNicht direkt relevant
KarotisstenoseEmboliequelle Nr. 1Nicht direkt relevant
GlaukomBegünstigend (Perfusionsdruck ↓)Unabhängiger Risikofaktor
ThrombophilieSelten, v.a. bei JüngerenV.a. bei Patienten < 50 Jahre
Internistisches Screening

Jeder retinale Gefäßverschluss erfordert ein vollständiges kardiovaskuläres Screening: Blutdruck, Blutzucker (HbA1c), Lipidprofil, großes Blutbild, Gerinnungsdiagnostik bei Patienten < 50 Jahre. Bei arteriellem Verschluss zusätzlich: Doppler-Sonographie der Karotiden, EKG (Vorhofflimmern), Echokardiographie, ggf. Langzeit-EKG.


Arterienverschluss (ZAV/AAV) – der Augen-Infarkt

Pathophysiologie

Der zentrale retinale Arterienverschluss entsteht durch:

Riesenzellarteriitis ausschließen!

Bei jedem Patienten > 50 Jahre mit einem arteriellen Verschluss muss eine Riesenzellarteriitis (RZA) ausgeschlossen werden – auch ohne Kopfschmerzen oder Allgemeinsymptome! Die RZA verursacht 5–10 % aller ZAV-Fälle und bedroht das zweite Auge. BSG und CRP sofort bestimmen. Bei Verdacht: sofortige Hochdosis-Steroidtherapie (z.B. Prednisolon 1 mg/kg i.v.) noch vor Biopsie-Ergebnis.

Akuttherapie – Fenster von 60–90 Minuten

Die Therapie des akuten arteriellen Verschlusses bleibt schwierig. Bisher konnte keine Intervention in randomisierten Studien einen klaren Benefit nachweisen – dennoch werden im akuten Fenster mehrere Maßnahmen empfohlen:

Sofortmaßnahmen bei ZAV

Bulbusmassage

Intermittierende Kompression des Bulbus (10 s Druck, 5 s Loslassen, über 5–15 Minuten). Ziel: Druckschwankungen sollen den Embolus in kleinere Gefäße treiben. Einfach durchführbar, sofort verfügbar.

Augeninnendrucksenkung

Topische Betablocker (Timolol 0,5 %), systemisch Acetazolamid 500 mg i.v. Ziel: IOD-Senkung verbessert den retinalen Perfusionsdruck und kann die Embolus-Passage erleichtern.

Vorderkammerpunktion

Ablass von 0,1–0,2 ml Kammerwasser. Führt zu schneller IOD-Senkung → plötzliche Druckentlastung kann den Embolus mobilisieren. Erfahrener Ophthalmologe erforderlich.

Intraarterielle Fibrinolyse (in Zentren)

Selektive Katheterisierung der A. ophthalmica mit rt-PA-Injektion. In ausgewählten Zentren verfügbar. Die EAGLE-Studie (2020) zeigte keinen signifikanten Vorteil vs. konservative Therapie – wird kontrovers diskutiert.

Für Patienten

Ein plötzlicher, schmerzloser Sehverlust auf einem Auge – wie ein „Vorhang, der sich senkt" – ist ein Notfall. Rufen Sie sofort den Rettungsdienst oder fahren Sie in die nächste Augenklinik. Jede Minute zählt. Ein retinaler Arterienverschluss ist vergleichbar mit einem Schlaganfall und erfordert die gleiche Dringlichkeit. Auch wenn das Sehen spontan zurückkehrt (Amaurosis fugax), müssen Sie sofort zum Arzt – es kann ein Warnzeichen für einen drohenden Schlaganfall sein.


Venenverschluss (ZVV/VAV) – der häufige Gefäßverschluss

Pathophysiologie

Der retinale Venenverschluss entsteht typischerweise durch eine Kombination aus drei Faktoren (Virchow-Trias):

Ischämisch vs. nicht-ischämisch – die entscheidende Unterscheidung

Beim Zentralvenenverschluss ist die Klassifikation in ischämisch vs. nicht-ischämisch prognostisch entscheidend:

KriteriumNicht-ischämischIschämisch
Häufigkeit~75 % der ZVV~25 % der ZVV
VisusMeist > 0,1Meist < 0,1
RAPDFehlt oder geringAusgeprägt
FundusMäßige Blutungen, wenig CWSMassive Blutungen, viele CWS
FLA: Non-Perfusion< 10 Papillenflächen≥ 10 Papillenflächen
Neovaskularisation~5 % (Konversion!)~60 % → „100-Tage-Glaukom"
PrognoseOft spontane BesserungMeist Visusverlust, hohes NVG-Risiko
Klinisch wichtig

Das „100-Tage-Glaukom" (Rubeosis-Glaukom / Neovaskularisationsglaukom, NVG) ist die gefürchtetste Komplikation des ischämischen ZVV: Ischämie → VEGF-Ausschüttung → Neovaskularisationen an Iris und Kammerwinkel → Sekundärglaukom → Erblindung. Regelmäßige Kontrollen mit Gonioskopie und Fluoreszeinangiographie sind essenziell. Conversion: Bis zu 30 % der initial nicht-ischämischen ZVV konvertieren im Verlauf zu ischämischen Formen – engmaschige Kontrollen sind daher auch bei milder Präsentation notwendig.


Diagnostik

1

Klinische Untersuchung

Visus, RAPD-Test (bei ischämischem ZVV ausgeprägt), Augeninnendruck, Gonioskopie (Rubeosis?). Fundoskopie in Mydriasis: Blutungsmuster, Papillenbefund, Makulaödem, Cotton-Wool-Spots, Gefäßkaliber, sichtbare Emboli.

2

OCT (Optische Kohärenztomographie)

Goldstandard zur Beurteilung des Makulaödems: zentrale Netzhautdicke (CMT), intraretinale Zysten, subretinale Flüssigkeit. Entscheidend für Therapieindikation und Verlaufskontrolle. OCT-Angiographie zeigt non-perfundierte Areale ohne Farbstoffinjektion.

3

Fluoreszeinangiographie (FLA)

Goldstandard zur Bestimmung des Ischämiegrades: Kapilläre Non-Perfusion quantifizieren, Leckagen identifizieren, Neovaskularisationen erkennen. Bei ZVV: Non-Perfusion ≥ 10 Papillenflächen = ischämisch. Bei VAV: Non-Perfusion ≥ 5 Papillenflächen.

4

Systemische Abklärung

Blutdruck, HbA1c, Lipidprofil, großes Blutbild, BSG/CRP (RZA-Ausschluss bei arteriell > 50 J.). Bei < 50 Jahre: Thrombophilie-Screening (APC-Resistenz, Protein C/S, Antithrombin, Lupus-Antikoagulans, Antiphospholipid-AK, Homocystein). Bei arteriell: Karotis-Doppler, EKG, Echo.


Therapie der venösen Verschlüsse

Die Therapie des retinalen Venenverschlusses hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend gewandelt – von der Beobachtung und Laserkoagulation hin zur Anti-VEGF-Therapie als Erstlinienbehandlung:

Makulaödem – Anti-VEGF als Standard

Treat-and-Extend

Das Treat-and-Extend-Schema hat sich als Standard etabliert: Nach einer Aufsättigungsphase mit monatlichen Injektionen wird das Intervall schrittweise verlängert (z.B. um 2 Wochen), solange die Makula trocken bleibt. Bei Rezidiv → Intervall wieder verkürzen. Ziel: minimale Anzahl an Injektionen bei maximaler Wirksamkeit. Typisch: 8–9 Injektionen im ersten Jahr bei ZVV, etwas weniger bei VAV.

Ischämie und Neovaskularisation – panretinale Laserkoagulation

Bei Nachweis von Neovaskularisationen (Iris, Papille, Netzhaut) ist die panretinale Laserkoagulation (PRP) weiterhin indiziert:

Neovaskularisationsglaukom (NVG)

Das NVG ist ein ophthalmologischer Notfall. Die Therapie umfasst:


Amaurosis fugax – die Warnung vor dem Schlaganfall

Die Amaurosis fugax ist eine transiente monokulare Sehstörung (Dauer Sekunden bis Minuten), die durch eine vorübergehende retinale Ischämie verursacht wird. Sie ist das ophthalmologische Äquivalent einer TIA (transitorische ischämische Attacke) und ein dringender Warnhinweis:

Notfall-Abklärung

Amaurosis fugax = TIA des Auges. ABCD²-Score anwenden. Sofortige stationäre Aufnahme bei hohem Score, bekannter Karotisstenose oder kardialer Emboliequelle. ASS 100 mg sofort beginnen. Karotisstenose > 70 % → Diskussion einer Karotisendarterektomie (CEA) oder Stenting innerhalb von 2 Wochen. Das Zeitfenster ist entscheidend – das Schlaganfallrisiko ist in den ersten Tagen am höchsten!


Prognose und Verlauf

VerschlusstypVisusprognoseKomplikationen
ZAVSchlecht: 90 % bleiben bei Visus ≤ 0,1. Spontane Verbesserung seltenRubeosis (20 %), NVG, Optikusatrophie
AAVBesser als ZAV: fovea-sparend = gute Prognose. Makulabeteiligung = schlechtSelten Neovaskularisation
ZVV (nicht-ischämisch)Variabel: ~1/3 bessert sich spontan, ~1/3 stabil, ~1/3 verschlechtert sich. Anti-VEGF verbessert Prognose signifikantKonversion zu ischämisch (30 %), Makulaödem, NVG (5 %)
ZVV (ischämisch)Schlecht: Visus meist < 0,1, trotz Therapie oft limitierte ErholungNVG (60 %), Rubeosis, Glaskörperblutung
VAVRelativ gut: Spontanverlauf besser als ZVV. Anti-VEGF → 60–70 % erreichen ≥ 0,5 nach 1 JahrMakulaödem (Hauptproblem), Neovaskularisation (selten), Kollateralbildung (günstig)
Für Patienten

Wenn bei Ihnen ein Venenverschluss diagnostiziert wurde, bedeutet das, dass Sie wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum regelmäßige Augenarzttermine und möglicherweise Spritzen ins Auge (Anti-VEGF-Injektionen) benötigen. Diese Behandlung ist sehr wirksam und weitgehend schmerzfrei – sie kann Ihr Sehvermögen deutlich verbessern oder stabilisieren. Entscheidend ist, dass Sie die Kontrolltermine einhalten und die zugrunde liegenden Risikofaktoren (Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin) konsequent behandeln lassen. Fragen Sie Ihren Hausarzt nach einem Herz-Kreislauf-Check-up.


Red Flags – sofortige Abklärung

Warnzeichen bei retinalen Gefäßverschlüssen

Plötzlicher schmerzloser Sehverlust → ZAV: Notfall, sofort in die Augenklinik
Amaurosis fugax → TIA des Auges: Sofortige Schlaganfall-Abklärung
Alter > 50 + arterieller Verschluss → Riesenzellarteriitis ausschließen (BSG, CRP!)
Rubeosis iridis / IOD-Anstieg nach ZVV → NVG: Anti-VEGF + Laser + IOD-Senkung
Bilaterale Verschlüsse → systemische Ursache: Hyperviskosität, Vaskulitis, Thrombophilie
Patient < 50 Jahre → Thrombophilie-Screening: Protein C/S, APC-Resistenz, Lupus-AK
Konversion nicht-ischämisch → ischämisch: RAPD, verschlechterter Visus, Neovaskularisation
Persistierendes Makulaödem trotz Anti-VEGF → Therapiewechsel (Steroid-Implantat, Kombination)

Fazit

Retinale Gefäßverschlüsse sind weit mehr als „nur" ein Augenproblem. Sie sind ein Fenster in die systemische Gefäßgesundheit des Patienten und erfordern eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ophthalmologie, Innerer Medizin, Kardiologie und Neurologie.

Der arterielle Verschluss ist ein ophthalmologischer Notfall mit einem engen therapeutischen Fenster und schlechter Prognose – aber mit der klaren Verpflichtung, eine Riesenzellarteriitis auszuschließen und das Schlaganfallrisiko zu minimieren. Der venöse Verschluss ist häufiger, therapeutisch besser zugänglich dank Anti-VEGF-Therapie, aber erfordert ein langfristiges Monitoring wegen des Risikos der Neovaskularisation und der Konversion zu ischämischen Formen.

Gemeinsam haben beide: Sie sind Marker einer systemischen Gefäßerkrankung, die konsequent behandelt werden muss – zum Schutz des Auges und zum Schutz des Lebens.

Literatur & Quellen

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