Die Riesenzellarteriitis (RZA), auch Arteriitis temporalis oder Morbus Horton genannt, ist eine granulomatöse Vaskulitis der großen und mittelgroßen Arterien, die fast ausschließlich bei Menschen über 50 Jahren auftritt. Sie ist die häufigste primäre systemische Vaskulitis und betrifft bevorzugt die Äste der Arteria carotis externa – insbesondere die Arteria temporalis superficialis. Ihre ophthalmologische Bedeutung ist enorm: Die RZA ist die häufigste Ursache für eine arteritische anteriore ischämische Optikusneuropathie (A-AION) und kann unbehandelt innerhalb von Tagen zur beidseitigen Erblindung führen.

Pathophysiologie

Die RZA ist eine immunvermittelte Erkrankung: Dendritische Zellen in der Adventitia der Gefäßwand rekrutieren T-Lymphozyten und Makrophagen, die eine granulomatöse Entzündung auslösen. Mehrkernige Riesenzellen (Langhans-Typ) sammeln sich an der Grenze von Media und Intima – das namensgebende histopathologische Merkmal. Die Entzündung führt zu einer konzentrischen Intimaproliferation und Lumeneinengung bis hin zum Verschluss.

Besonders betroffen sind die Äste der Arteria ophthalmica – vor allem die hinteren Ziliararterien (Aa. ciliares posteriores breves), die die Papille über den Zinn-Haller-Gefäßkranz versorgen. Ihr Verschluss führt zur ischämischen Infarzierung des Sehnervenkopfes: der arteritischen AION.

Ischämie-Kaskade bei RZA

Granulomatöse Vaskulitis
Intimaproliferation & Lumeneinengung
Thrombose / Verschluss
Ischämie (Papille, Retina, Chiasma)
Für Patienten

Bei der Riesenzellarteriitis entzünden sich die Wände bestimmter Blutgefäße – besonders die Schläfenarterien und die kleinen Arterien, die den Sehnerv versorgen. Durch die Entzündung schwellen die Gefäßwände an, das Blut kann nicht mehr richtig durchfließen und der Sehnerv bekommt zu wenig Sauerstoff. Die Folge: plötzlicher, schmerzloser Sehverlust – oft auf einem Auge, aber ohne Behandlung droht innerhalb von Tagen auch dem anderen Auge das gleiche Schicksal.


Symptome – ein breites Bild

Systemische Symptome

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Kopfschmerz

Neu aufgetretener, oft temporal betonter Kopfschmerz; typischerweise beim Kämmen oder Aufliegen auf dem Kissen schmerzhaft (Kopfhaut-Allodynie)

~70–80 % der Patienten
🦷

Kauclaudicatio

Schmerzen in der Kaumuskulatur beim Kauen, die bei Pausen nachlassen. Ausdruck der Ischämie der A. maxillaris. Hochspezifisches Symptom!

~40–50 % – fast pathognomonisch
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Allgemeinsymptome

Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit, Myalgien (oft Polymyalgia-rheumatica-Überlappung bei ca. 40–60 %)

~50–70 % – oft wochenlang vor Visusverlust

Okuläre Manifestationen

Kritisch: Die Amaurosis fugax als Warnsignal

Eine flüchtige Sehstörung (Sekunden bis Minuten) bei einem Patienten > 50 Jahre mit neu aufgetretenen Kopfschmerzen, erhöhter BSG oder Druckschmerz über der Schläfe muss bis zum Beweis des Gegenteils als Prodromalsymptom einer RZA gewertet werden. Dies ist oft das einzige Zeitfenster, um eine dauerhafte Erblindung zu verhindern. Sofortige Steroidgabe!

„Die Amaurosis fugax bei Verdacht auf RZA ist kein Warnsignal – sie ist ein Notruf. Wer jetzt nicht handelt, riskiert die Erblindung."

Diagnostik

ACR-Kriterien (1990)

ACR-Klassifikationskriterien (≥ 3 von 5 = RZA)

1
Alter ≥ 50 Jahre bei Symptombeginn
2
Neu aufgetretener Kopfschmerz oder neuer Kopfschmerz-Charakter
3
Abnormität der A. temporalis – Druckschmerz, abgeschwächte Pulsation, verhärtetes Gefäß
4
BSG ≥ 50 mm/h (Westergren-Methode)
5
Positiver Biopsiebefund – granulomatöse Arteriitis mit mehrkernigen Riesenzellen
Sensitivität ca. 94 %, Spezifität ca. 91 %. Achtung: Die ACR-Kriterien sind Klassifikationskriterien, keine diagnostischen Kriterien. Eine normale BSG schließt eine RZA nicht aus (ca. 5 % haben eine normale BSG – dann CRP und klinisches Bild entscheidend).

Labordiagnostik

Bildgebung

Klinischer Hintergrund

Die EULAR-Empfehlungen (2018/2023) sehen die Duplexsonographie als primäre Bildgebung bei Verdacht auf RZA, insbesondere wenn eine schnelle Diagnose erforderlich ist. In erfahrenen Zentren kann ein positives Halo-Zeichen die Biopsie ersetzen. Die TABUL-Studie (Luqmani et al., 2016) zeigte eine Sensitivität der Sonographie von ca. 54 % und der TAB von ca. 39 % – bei klinischem Goldstandard. Beide Tests zusammen steigern die diagnostische Sicherheit erheblich. Entscheidend: Kein diagnostischer Test sollte die sofortige Steroidgabe bei klinischem Verdacht verzögern.


Arteriitische vs. nicht-arteriitische AION

Die Unterscheidung ist klinisch essenziell, da die Therapie fundamental unterschiedlich ist:

MerkmalArteritische AION (A-AION)Nicht-arteriitische AION (NA-AION)
AlterMeist > 70 JahreMeist 50–70 Jahre
VisusverlustSchwer (oft ≤ 0,1 oder FZ/HBW)Moderat (oft 0,2–0,5)
PapilleBlass-ödematös („chalky white edema")Hyperämisch-ödematös, sektoral
BeidseitigkeitHohes Risiko (25–50 % ohne Therapie)Selten sequentiell (ca. 15 % über 5 J.)
Systemische SymptomeKopfschmerz, Kauclaudicatio, PMR, FieberKeine
BSG / CRPStark erhöhtNormal
RisikofaktorenAutoimmun (RZA)Diabetes, Hypertonie, Schlafapnoe, „disc at risk" (kleine Papille)
TherapieSofortige Hochdosis-SteroideKeine bewiesene Therapie; Risikofaktorkontrolle

Therapie – sofort und konsequent

Die Therapie muss unmittelbar bei klinischem Verdacht beginnen – noch bevor Biopsie oder Bildgebung vorliegen. Jede Verzögerung erhöht das Erblindungsrisiko.

Tag 0 – Sofortige Therapieeinleitung

Bei Visusbeteiligung (AION, Amaurosis fugax, ZAV): Methylprednisolon i.v. 1000 mg/Tag über 3 Tage (Pulstherapie). Ohne Visusbeteiligung: Prednisolon oral 1 mg/kg/Tag (max. 60 mg). Therapie beginnt bei Verdacht – nicht erst bei bestätigter Diagnose. Zusätzlich: PPI als Magenschutz, Calcium/Vitamin D, ggf. Bisphosphonat-Planung.

Woche 1–4 – Stabilisierung

Nach Pulstherapie: Übergang auf orales Prednisolon 1 mg/kg/Tag. Engmaschige klinische Kontrolle (Visus, Symptome, BSG/CRP). Biopsie und/oder Sonographie zur Diagnosesicherung innerhalb von 14 Tagen. Keine Dosisreduktion bei aktiven Symptomen oder steigendem CRP.

Monate 1–18 – Langsames Tapering

Reduktion um ca. 10 mg/Woche bis 20 mg, dann 2,5 mg/Woche bis 10 mg, dann 1 mg/Monat bis zur niedrigsten wirksamen Dosis. Gesamttherapiedauer: oft 12–24 Monate, manchmal länger. Ca. 50 % der Patienten erleiden Rezidive beim Tapering → CRP/BSG als Verlaufsparameter. Tocilizumab als steroidsparende Therapie (s.u.).

Tocilizumab – der Game Changer

Die GiACTA-Studie (Stone et al., NEJM 2017) hat die Therapie der RZA grundlegend verändert: Tocilizumab (IL-6-Rezeptor-Antikörper) in Kombination mit einem verkürzten Steroid-Tapering erreichte eine anhaltende Remission bei 56 % der Patienten (vs. 14 % unter Placebo + Steroid-Tapering über 26 Wochen). Tocilizumab ist seit 2017 für die RZA zugelassen und wird zunehmend als steroidsparende Erstlinien-Therapie eingesetzt – besonders bei Patienten mit hohem Steroid-Komplikationsrisiko (Diabetes, Osteoporose, Glaukom).

Vorsicht unter Tocilizumab

Tocilizumab supprimiert die CRP-Produktion über IL-6-Blockade – das CRP ist daher unter Therapie kein zuverlässiger Entzündungsmarker mehr. Klinische Beurteilung, BSG und ggf. IL-6-Spiegel gewinnen an Bedeutung. Infektionsrisiko beachten (insbesondere Divertikulitis, opportunistische Infektionen). Regelmäßige Laborkontrollen (Transaminasen, Blutbild, Lipide).

Für Patienten

Die Behandlung mit Cortison ist bei dieser Erkrankung lebensnotwendig und sehkraftrettend – trotz der bekannten Nebenwirkungen. In den meisten Fällen muss das Cortison über viele Monate langsam reduziert werden; ein zu schnelles Absetzen kann zu einem Rückfall führen. Seit einigen Jahren gibt es zusätzlich Tocilizumab (eine Spritze alle 1–4 Wochen), das die Cortisondosis deutlich reduzieren kann. Wichtig: Nie eigenmächtig das Cortison reduzieren oder absetzen – immer in Absprache mit Ihrem Arzt.


Prognose und Langzeitmanagement


Polymyalgia rheumatica – die häufige Schwester

Ca. 40–60 % der RZA-Patienten haben gleichzeitig eine Polymyalgia rheumatica (PMR), und ca. 15–20 % der PMR-Patienten entwickeln eine RZA. Die PMR manifestiert sich durch symmetrische Schmerzen und Morgensteifigkeit in Schulter- und Beckengürtel, erhöhte Entzündungswerte und ein dramatisches Ansprechen auf niedrigdosierte Steroide (15–20 mg Prednisolon). Wichtig: Jeder PMR-Patient muss nach RZA-Symptomen gefragt und bei Verdacht entsprechend untersucht werden – die okuläre Komplikation kann auch bei vermeintlich „reiner" PMR auftreten.


Fazit

Die Riesenzellarteriitis ist ein Paradebeispiel für die zeitkritische Ophthalmologie: Die Diagnose muss klinisch vermutet, die Therapie sofort eingeleitet und die Bestätigung parallel gesichert werden. Der Satz „treat first, confirm later" gilt hier uneingeschränkt. Mit adäquater Steroidtherapie – idealerweise ergänzt durch Tocilizumab – lässt sich die Erblindung des Partnerauges in den allermeisten Fällen verhindern.

Die zentrale Botschaft: Jeder plötzliche Sehverlust bei einem Patienten über 50 Jahre erfordert eine BSG/CRP-Bestimmung und die aktive Frage nach Kopfschmerzen, Kauclaudicatio und Allgemeinsymptomen. Diese drei Minuten Anamnese können ein Augenlicht retten.