Rund 20–30 % der Erwachsenen über 50 Jahre leiden an einem trockenen Auge. Die Erkrankung wird häufig unterschätzt, kann aber die Lebensqualität erheblich einschränken und unbehandelt zu Hornhautschäden führen. Dieser Artikel gibt einen umfassenden Überblick – von den Grundlagen des Tränenfilms über die Diagnostik bis hin zu modernen Therapieoptionen.
Der Tränenfilm – mehr als nur Wasser
Der präkorneale Tränenfilm ist ein komplexes Dreischicht-System, das die Augenoberfläche schützt, ernährt und optisch glättet. Er besteht aus einer äußeren Lipidschicht (produziert von den Meibom-Drüsen), einer wässrigen Mittelschicht (Haupt- und akzessorische Tränendrüsen) und einer inneren Muzinschicht (Becherzellen der Bindehaut).
Bereits eine Störung in einer dieser Schichten kann den gesamten Tränenfilm destabilisieren. Die Folge: Die Augenoberfläche trocknet punktuell aus, wird empfindlich und entzündet sich.
Die Tear Film & Ocular Surface Society (TFOS) hat im DEWS-II-Report (2017) das trockene Auge als eine multifaktorielle Erkrankung der Augenoberfläche definiert, die durch einen Verlust der Homöostase des Tränenfilms gekennzeichnet ist und von okulären Symptomen begleitet wird.
Ursachen und Risikofaktoren
Man unterscheidet grundsätzlich zwei Hauptmechanismen, die sich häufig überlappen:
| Typ | Mechanismus | Typische Ursachen |
|---|---|---|
| Hyposekretorisch | Verminderte wässrige Produktion | Sjögren-Syndrom, Alter, Medikamente (Antihistaminika, Betablocker, Antidepressiva), Z.n. LASIK |
| Evaporativ | Erhöhte Verdunstung des Tränenfilms | Meibom-Drüsen-Dysfunktion (MDD), Blepharitis, Bildschirmarbeit, Kontaktlinsen, Umweltfaktoren |
In der Praxis findet sich bei ca. 70–80 % der Betroffenen eine evaporative Komponente, wobei die Meibom-Drüsen-Dysfunktion die mit Abstand häufigste Einzelursache darstellt.
Lange Bildschirmarbeit reduziert die Lidschlagfrequenz von ca. 15–20 auf nur 5–7 Schläge pro Minute. Das bedeutet: Der Tränenfilm reißt schneller auf und trocknet aus. Die 20-20-20-Regel hilft: Alle 20 Minuten für 20 Sekunden auf etwas in 20 Fuß (ca. 6 Meter) Entfernung schauen – und dabei bewusst blinzeln.
Symptome – vielfältig und oft paradox
Die Beschwerden beim trockenen Auge sind ausgesprochen variabel. Typisch sind:
- Brennen, Stechen und Fremdkörpergefühl („Sand in den Augen")
- Rötung und gereizte Lider
- Paradoxes Tränen – als Reflex auf die trockene Augenoberfläche
- Verschwommenes Sehen, das sich durch Blinzeln kurz bessert
- Lichtempfindlichkeit (Photophobie)
- Müdigkeitsgefühl der Augen, besonders abends
Besonders das paradoxe Tränen führt bei vielen Patienten zu Verwirrung – die Augen tränen ständig, und dennoch liegt ein trockenes Auge vor. Der Grund: Die Reflextränen sind wässrig und haben nicht die schützende Lipid- und Muzinzusammensetzung eines stabilen Tränenfilms.
Diagnostik
Eine strukturierte Diagnostik umfasst die Anamnese, die klinische Untersuchung und gegebenenfalls apparative Verfahren. Die Befunde sollten immer zusammen bewertet werden, da kein einzelner Test allein ausreichend sensitiv oder spezifisch ist.
Standarduntersuchungen
- OSDI-Fragebogen (Ocular Surface Disease Index) – standardisierte Symptomerfassung
- Spaltlampenuntersuchung – Beurteilung von Lidrand, Meibom-Drüsen, Bindehaut und Hornhaut
- Tränenfilm-Aufreißzeit (TBUT) – Fluorescein-basiert; pathologisch bei < 10 Sekunden
- Schirmer-Test – Messung der wässrigen Tränenproduktion; pathologisch bei < 5 mm / 5 Min (ohne Anästhesie)
- Vitalfärbung – Fluorescein, Lissamingrün oder Bengalrosa zur Darstellung epithelialer Schäden
Erweiterte Diagnostik
- Meibographie – Infrarotdarstellung der Meibom-Drüsen; zeigt Atrophie und strukturelle Veränderungen
- Tränenosmolarität – Werte > 308 mOsm/l gelten als pathologisch (z.B. TearLab)
- MMP-9-Schnelltest (InflammaDry) – Nachweis einer Entzündungskomponente
- Non-invasive Tränenfilmaufreißzeit (NIKBUT) – Keratograph-basiert, reproduzierbarer als TBUT
Der TFOS-DEWS-II-Report empfiehlt ein dreistufiges Diagnoseschema: (1) Screening mittels Symptomfragebogen, (2) diagnostische Bestätigung durch Homöostase-Marker (TBUT, Osmolarität, Vitalfärbung), (3) Subtypisierung (evaporativ vs. hyposekretorisch). Diese Differenzierung ist entscheidend für eine zielgerichtete Therapie.
Therapie – stufenweise und individuell
Die Behandlung des trockenen Auges folgt einem Stufenschema, das sich am Schweregrad orientiert. Entscheidend ist, dass die Therapie nicht nur Symptome lindert, sondern die zugrunde liegende Pathophysiologie adressiert.
Stufe 1 – Basistherapie
Optimierung der Umgebungsbedingungen (Luftfeuchtigkeit, Bildschirmpausen), Lidrandhygiene mit warmen Kompressen und Lidmassage, sowie regelmäßige Anwendung von Tränenersatzmitteln. Bei leichten Beschwerden reichen hyaluronsäure- oder dexpanthenolhaltige Tropfen. Konservierungsmittelfreie Präparate sind generell zu bevorzugen, da z.B. Benzalkoniumchlorid (BAK) selbst die Augenoberfläche schädigt.
Stufe 2 – Antiinflammatorische Therapie
Bei nachgewiesener Entzündung kommen Cyclosporin-A-Augentropfen (z.B. Ikervis® 0,1 %, Cequa® 0,09 %, Vevye® 0,1 %) oder Lifitegrast zum Einsatz. Kurzfristig können niedrigdosierte Kortikosteroide (z.B. Fluorometholon, Loteprednol) eingesetzt werden, um eine akute Entzündung zu durchbrechen.
Stufe 3 – Fortgeschrittene Maßnahmen
- Autologe Serum-Augentropfen – reich an Wachstumsfaktoren; bei therapierefraktären Fällen
- Punctum Plugs – Verschluss der Tränenpünktchen zur Reduktion des Tränenabflusses
- IPL (Intense Pulsed Light) – bei Meibom-Drüsen-Dysfunktion, Reduktion von Entzündung und Demodex
- Thermische Pulsation (z.B. LipiFlow®) – apparative Erwärmung und Expression der Meibom-Drüsen
Stufe 4 – Schwere Fälle
In seltenen, schweren Fällen kommen Sklerallinsen, Amnionmembran-Transplantation oder Tarsorrhaphie in Betracht. Diese Maßnahmen sind spezialisierten Zentren vorbehalten.
Tränenersatzmittel sind kein Zeichen von Schwäche – sie sind die Basistherapie bei trockenem Auge, ähnlich wie eine Feuchtigkeitscreme bei trockener Haut. Wichtig: Regelmäßig tropfen, nicht nur bei Beschwerden. Und: Achten Sie auf den Hinweis „ohne Konservierungsmittel" auf der Packung.
Leben mit trockenem Auge – praktische Tipps
- Bildschirmpausen einhalten – 20-20-20-Regel konsequent anwenden
- Luftfeuchtigkeit optimieren – besonders im Winter (Heizungsluft); Luftbefeuchter nutzen
- Omega-3-Fettsäuren – aus fettem Fisch oder als Supplement (Evidenz moderat, aber zunehmend positiv)
- Lidrandhygiene – tägliche Routine mit warmer Kompresse (ca. 40 °C, 5–10 Min.) und sanfter Massage
- Ausreichend trinken – Dehydration verschlechtert die Tränenproduktion
- Nachts – bei Lagophthalmus Augengel oder Salbe vor dem Schlafengehen
Fazit
Das trockene Auge ist eine chronische, multifaktorielle Erkrankung, die weit mehr ist als eine lästige Befindlichkeit. Eine sorgfältige Diagnostik mit Subtypisierung ist der Schlüssel zu einer zielgerichteten, individualisierten Therapie. Für Betroffene gilt: Frühzeitige Behandlung und konsequente Basispflege können den Verlauf erheblich verbessern und Komplikationen verhindern.
In unserem nächsten Artikel befassen wir uns mit dem Glaukom – dem stillen Dieb des Sehens.
Literatur & Quellen
- Craig JP et al. TFOS DEWS II Report. Ocul Surf. 2017;15(4):802–812.
- Bron AJ et al. TFOS DEWS II pathophysiology report. Ocul Surf. 2017;15(3):438–510.
- Jones L et al. TFOS DEWS II management and therapy report. Ocul Surf. 2017;15(3):575–628.
- Messmer EM. The pathophysiology, diagnosis, and treatment of dry eye disease. Dtsch Arztebl Int. 2015;112:71–82.
- Stapleton F et al. TFOS DEWS II epidemiology report. Ocul Surf. 2017;15(3):334–365.
- Leitlinie Nr. 11: Trockenes Auge (Sicca-Syndrom). Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) / Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG).