Die Uveitis umfasst eine Gruppe entzündlicher Erkrankungen des Augeninneren, die primär die Uvea (Iris, Ziliarkörper, Choroidea) betreffen, aber sekundär auch Netzhaut, Glaskörper und Sehnerv schädigen können. Mit einer Inzidenz von ca. 15–50 pro 100.000 Einwohner pro Jahr ist sie keine Seltenheit – und verantwortlich für ca. 10–15 % aller Erblindungsfälle in der westlichen Welt, besonders bei jungen Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter.

Anatomie der Uvea

Die Uvea (Gefäßhaut) besteht aus drei Abschnitten: der Iris (Regenbogenhaut), dem Ziliarkörper (Corpus ciliare) und der Aderhaut (Choroidea). Sie ist das am stärksten vaskularisierte Gewebe des Auges, was sie besonders anfällig für entzündliche und autoimmune Prozesse macht.

Iris
Ziliarkörper
Choroidea
Retina
Kornea
Linse

Klassifikation nach SUN-Kriterien

Die Standardization of Uveitis Nomenclature (SUN) Working Group teilt die Uveitis nach der primären Lokalisation der Entzündung ein – dies bestimmt maßgeblich das Differenzialdiagnostische Vorgehen und die Therapie.

~50–60 % aller Uveitiden

Anteriore Uveitis

Entzündung der Vorderkammer: Iritis (Iris), Iridozyklitis (Iris + Ziliarkörper). Leitsymptome: Schmerz, Rötung, Photophobie, Visusverlust. Zellen und Flare in der Vorderkammer.

Assoziationen: HLA-B27 (ankylosierende Spondylitis, M. Crohn, Psoriasisarthritis), JIA (Kinder!), Herpes simplex/zoster, Fuchs-Heterochromie-Iridozyklitis
~15 % aller Uveitiden

Intermediäre Uveitis

Entzündung des Glaskörpers und der Pars plana. Snowbanks/Snowballs. Oft beidseits. Leitsymptome: Floater (Mouches volantes), schleichende Visusminderung, selten Schmerz.

Assoziationen: Multiple Sklerose, Sarkoidose, Lyme-Borreliose. In > 50 % idiopathisch (Pars planitis).
~20 % aller Uveitiden

Posteriore Uveitis

Entzündung der Choroidea und/oder Retina. Chorioretinitis, retinale Vaskulitis, Neuroretinitis. Leitsymptome: Visusverlust, Skotome, Floater.

Assoziationen: Toxoplasmose (#1 weltweit), CMV-Retinitis, Sarkoidose, Vogt-Koyanagi-Harada (VKH), Birdshot-Chorioretinopathie, Tuberkulose, Syphilis
Klinischer Hintergrund

Die SUN-Klassifikation (Jabs et al., Am J Ophthalmol 2005, Update 2021) definiert einheitliche Kriterien für Aktivitätsgrad (Zellen 0–4+ in der Vorderkammer, Vitreous Haze 0–4+), Verlauf (akut, rezidivierend, chronisch) und Lateralität. Die SUN-Kriterien 2021 liefern erstmals auch diagnostische Klassifikationskriterien für 25 spezifische Uveitis-Entitäten – ein Meilenstein für die standardisierte Diagnostik.

Für Patienten

Bei einer Uveitis entzündet sich das Innere des Auges. Je nachdem, welcher Teil betroffen ist, können die Beschwerden unterschiedlich ausfallen: Vordere Uveitis verursacht typischerweise Schmerzen, Rötung und Lichtempfindlichkeit – ähnlich einer Bindehautentzündung, aber deutlich ernster. Hintere Uveitisformen können dagegen schmerzlos verlaufen und sich „nur" durch verschwommenes Sehen oder schwebende Punkte bemerkbar machen. Beides erfordert eine rasche augenärztliche Abklärung.


Ursachen – ein breites Spektrum

Die Ursachensuche bei Uveitis gleicht einer internistisch-ophthalmologischen Detektivarbeit. Etwa 30–50 % aller Uveitiden bleiben idiopathisch – trotz umfassender Diagnostik.

KategorieBeispieleDiagnostischer Hinweis
Autoimmun / HLA-assoziiert HLA-B27-Uveitis, M. Bechterew, Psoriasis, M. Crohn, Colitis ulcerosa, M. Behçet, VKH, Sarkoidose HLA-B27-Typisierung, Sakroiliakal-MRT, ACE/sIL-2R, Thorax-CT, Quantiferon
Infektiös Toxoplasmose, HSV/VZV, CMV, Tuberkulose, Syphilis, Lyme-Borreliose, Toxocara Serologie, PCR aus Kammerwasser, IGRA/Quantiferon, TPHA/VDRL, Goldmann-Wittmer-Koeffizient
Masquerade-Syndrome Intraokulares Lymphom (PIOL/PVRL), Retinoblastom, Leukämie, Pigmentdispersion Vitrektomie mit Zytologie, IL-10/IL-6-Ratio, MRT Orbita/ZNS
Medikamenteninduziert Rifabutin, Bisphosphonate, Immun-Checkpoint-Inhibitoren (Nivolumab, Pembrolizumab), BRAF-Inhibitoren Zeitliche Korrelation zur Medikamenteneinnahme
Postoperativ / traumatisch Endophthalmitis, sympathische Ophthalmie, Lens-induced Uveitis Klinischer Kontext, Vorderkammerpunktat, Ultraschall des Partnerauges
„Die Uveitis ist oft nur das okuläre Fenster einer systemischen Erkrankung – wer nur das Auge behandelt, übersieht die Ursache."

Diagnostik – strukturiert und zielgerichtet

Die Diagnostik sollte sich an Lokalisation, Verlauf und klinischem Muster orientieren – ein ungezieltes „Uveitis-Labor" mit 30 Parametern ist weder kosteneffektiv noch zielführend.

Ophthalmologische Untersuchung

Systemisches Work-up

Basis-Labor (immer)

Blutbild, CRP/BSG, ACE, Lysozym, sIL-2R, HLA-B27, Luesserologie (TPHA + VDRL), Quantiferon/IGRA, Urinstatus

Bildgebung (gezielt)

Thorax-CT (Sarkoidose, TB, Lymphom), Sakroiliakal-MRT (HLA-B27), MRT ZNS (MS, Lymphom, VKH), ggf. PET-CT (Sarkoidose-Staging)

Intraokulare Diagnostik

Vorderkammerpunktat: PCR (HSV, VZV, CMV, Toxoplasma), Goldmann-Wittmer-Koeffizient, IL-10/IL-6-Ratio. Vitrektomie: Zytologie bei V.a. Lymphom.

Interdisziplinär

Rheumatologie (Spondyloarthritis, Behçet, Sarkoidose), Pneumologie (Sarkoidose, TB), Neurologie (MS), Infektiologie (Lues, TB), Pädiatrie (JIA)

Nicht vergessen: Masquerade-Syndrome

Bei chronischer, therapierefraktärer oder atypischer Uveitis – insbesondere bei älteren Patienten mit einseitiger Vitritis und Glaskörperzellen – muss ein intraokulares Lymphom (PVRL) ausgeschlossen werden. Die Diagnose erfolgt über Vitrektomie mit Zytologie und IL-10/IL-6-Ratio (> 1 hochsuspekt). Eine Verzögerung der Diagnose verschlechtert die Prognose erheblich.


Therapie – Stufenschema

Die Therapie der Uveitis folgt einem Stufenschema, das sich am Schweregrad, der Lokalisation, der Ätiologie und dem Verlauf (akut vs. chronisch) orientiert. Grundprinzip: Entzündung kontrollieren, Komplikationen verhindern, Steroide reduzieren.

1

Topische Steroide + Zykloplegika

First-Line bei anteriorer Uveitis. Prednisolonacetat 1 % oder Dexamethason 0,1 % – initial hochfrequent (stündlich), dann ausschleichend über Wochen. Zykloplegika (Atropin, Cyclopentolat) zur Schmerzlinderung, Synechie-Prophylaxe und Stabilisierung der Blut-Kammerwasser-Schranke. Niemals abrupt absetzen – Rebound-Gefahr!

2

Systemische Steroide

Bei schwerer anteriorer, intermediärer oder posteriorer Uveitis. Orales Prednisolon initial 1 mg/kg/d, rasches Tapering auf ≤ 7,5 mg/d innerhalb von 3 Monaten. Bei Visusverlust oder Makulaödem ggf. i.v.-Methylprednisolon-Pulstherapie (1 g/d über 3 Tage). Langzeitdosis > 7,5 mg/d erfordert steroidsparende Immunsuppression.

3

Konventionelle Immunsuppressiva (DMARD)

Methotrexat (7,5–25 mg/Woche) – First-Line-DMARD bei nicht-infektiöser Uveitis. Azathioprin (2–3 mg/kg/d) – Alternative, besonders bei VKH, Behçet. Mycophenolat-Mofetil (2–3 g/d) – gutes Wirkprofil, zunehmend verwendet. Ciclosporin A (3–5 mg/kg/d) – bei Behçet, VKH, Birdshot. Wirkungseintritt: 4–12 Wochen – Steroide als Brücke nötig.

4

Biologika

Adalimumab (Humira®, Biosimilars) – TNF-α-Inhibitor; zugelassen für nicht-infektiöse intermediäre/posteriore Uveitis und Panuveitis (VISUAL I/II-Studien). First-Line-Biologikum. Infliximab – bei M. Behçet mit retinaler Vaskulitis. Tocilizumab (IL-6-Inhibitor) – bei refraktärem Makulaödem (STOP-Uveitis-Studie). Secukinumab, Interferon-α – in spezifischen Indikationen.

Lokale Therapie bei posteriorer Uveitis / CMÖ

Klinischer Hintergrund

Die VISUAL-I- und VISUAL-II-Studien (Jaffe et al., NEJM 2016) etablierten Adalimumab als erstes zugelassenes Biologikum für die nicht-infektiöse Uveitis. Adalimumab reduzierte das Rezidivrisiko signifikant und ermöglichte eine effektive Steroid-Einsparung. In der täglichen Praxis zeigt sich eine Ansprechrate von ca. 60–70 %. Bei Versagen von Adalimumab kommen Infliximab, Tocilizumab oder – in Studien – JAK-Inhibitoren (Tofacitinib, Baricitinib) als Optionen in Betracht.

Für Patienten

Die Behandlung einer Uveitis erfordert oft Geduld. Augentropfen allein reichen bei schweren oder chronischen Formen nicht aus – dann kommen Tabletten oder Spritzen zum Einsatz, die das Immunsystem regulieren. Diese Medikamente benötigen mehrere Wochen, bis sie ihre volle Wirkung entfalten. Wichtig: Setzen Sie Ihre Medikamente niemals eigenmächtig ab – auch nicht, wenn es Ihnen besser geht. Ein Rückfall kann schwerwiegender sein als die ursprüngliche Episode.


Komplikationen

Unbehandelt oder bei chronischem Verlauf kann die Uveitis zu schwerwiegenden, teils irreversiblen Komplikationen führen:


Besondere Entitäten

Uveitis bei Kindern – JIA

Die juvenile idiopathische Arthritis (JIA) ist die häufigste Ursache für chronische anteriore Uveitis im Kindesalter. Besonders gefährlich: Die Uveitis verläuft bei Kindern häufig schmerzlos und schleichend (keine Rötung, kein Schmerz) und wird oft erst bei bereits eingetretenen Komplikationen (Katarakt, Bandkeratopathie, Amblyopie) diagnostiziert. Risikofaktoren: oligoartikuläre JIA, ANA-positiv, weiblich, Erkrankungsbeginn < 6 Jahre. Regelmäßiges Spaltlampenscreening (alle 3 Monate) ist obligat.

Toxoplasmose-Retinochorioiditis

Weltweit die häufigste infektiöse posteriore Uveitis. Typisch: fokale, nekrotisierende Retinitis, oft neben einer alten, pigmentierten Narbe („Satellitenläsion"). Diagnose meist klinisch. Therapie: Klassisches Schema Pyrimethamin + Sulfadiazin + Folinsäure oder alternativ Trimethoprim/Sulfamethoxazol; systemische Steroide erst nach 24–48 h antibiotischer Therapie, niemals als Monotherapie.

Vogt-Koyanagi-Harada (VKH)

Bilaterale granulomatöse Panuveitis mit exsudativer Netzhautablösung, Papillenschwellung und systemischen Zeichen (Vitiligo, Poliosis, Alopezie, Meningismus, Innenohr-Beteiligung). Frühzeitige aggressive Immunsuppression (hochdosierte systemische Steroide + DMARD) ist entscheidend – ein therapeutisches Fenster von wenigen Wochen bestimmt die Langzeitprognose.

Klinischer Hintergrund

Die revised diagnostic criteria für VKH (Read et al., Am J Ophthalmol 2001) unterscheiden zwischen complete, incomplete und probable VKH. OCT-Befunde wie multilobuläre subretinale Flüssigkeit und Aderhautverdickung in der Enhanced-Depth-Imaging-(EDI-)OCT sind heute wichtige diagnostische und Verlaufsparameter. Die Erstlinie ist hochdosiertes systemisches Steroid, gefolgt von früher Immunsuppression (Mycophenolat, Azathioprin oder Ciclosporin), um das Rezidivrisiko (Sunset-Glow-Fundus, subretinale Fibrose) zu minimieren.


Fazit

Die Uveitis ist ein Chamäleon der Augenheilkunde: vielgestaltig in ihrer Präsentation, komplex in ihrer Ätiologie und anspruchsvoll in ihrer Therapie. Eine präzise anatomische Klassifikation, eine zielgerichtete – nicht ungezielt breitflächige – Ursachensuche und eine konsequente, stufenweise Therapie sind die Schlüssel zum Erfolg. Die Zusammenarbeit mit Rheumatologen, Internisten und Infektiologen ist dabei essenziell.

Die zentrale Botschaft: Uveitis ist keine Bagatelle. Jede Episode kann Komplikationen verursachen, die das Sehvermögen dauerhaft bedrohen. Frühzeitige Behandlung und konsequente Nachsorge machen den Unterschied.

Im nächsten Artikel widmen wir uns dem Thema Bildschirmarbeit und Augengesundheit – Digital Eye Strain im Alltag.